Preisträger*innen Essen 2020

 

Judith Beckedorf, Ida-Lene Bragenitz, Ladislav Pazdera und Georg Wiede

Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden

1. Preis

"Neue Impulse für die IGP: Ein Leitfaden zur Unterrichtsreflexion, ausgehend von Kodier-Techniken der 'Grounded Theory'-Methode"

Unterrichtsbeobachtung ist ein essenzieller Teil in Ausbildung und beruflicher Praxis der IGP, denn „[j]edes musikpädagogische Arbeiten ist unmittelbar mit Wahrnehmungs- und Beobachtungsvorgängen verbunden“ (Busch 2014, S. 95). Daher gibt es zu diesem Thema umfangreiche Literatur mit Beobachtungsleitfäden. Im Rahmen eines Studiums sind solche Leitfäden zur Erstellung von formalisierten Protokollen als Hilfestellung und Sensibilisierung unverzichtbar. Ihre Möglichkeiten sind, in Anbetracht der unendlich vielen relevanten Aspekte, jedoch auch begrenzt. Themen könnten unter Umständen nur deshalb Beachtung finden, weil sie in dem Leitfaden auftauchen und oberflächlich bearbeitet werden, während andere vorherrschende Themen vielleicht übersehen werden. Bei unserem Projekt stellten wir uns die Frage, ob Unterricht auch ohne ein vorgefertigtes Raster beobachtet und ausgewertet werden kann. In diesem Zusammenhang beschäftigten wir uns mit Kodier-Techniken einer empirischen Forschungsmethode der Sozialwissenschaft, der „Grounded Theory“-Methode (GTM). Das Besondere war hierbei, dass wir bei der Unterrichtsanalyse nicht von Literatur bzw. von vorgegebenen Themenfeldern, sondern von Daten direkt aus der Praxis ausgingen. Das, was in einer speziellen Unterrichtsstunde relevant ist, ergibt sich demnach erst aus dem Forschungsprozess selbst. Unsere Datengrundlage waren hierfür Videos zweier Unterrichtsstunden, welche im Rahmen des Seminars „Unterrichtswerkstatt“ an der Hochschule für Musik in Dresden aufgezeichnet wurden. Wir analysierten die Daten, werteten diese aus und leiteten davon Impulse für die Weiterentwicklung der pädagogischen Arbeit ab.

Ziel dieses Projektes war es, einen neuen methodischen Leitfaden für die Unterrichtsbeobachtung und -analyse zu entwickeln. Unter Zuhilfenahme von Kodier-Techniken der GTM ergab sich ein Verfahren, welches eine offene und neutrale Herangehensweise an diesen Prozess ermöglicht. Mit Hilfe dieses Leitfadens kann man den eigenen Unterricht differenzierter und ohne vorgegebene Themen beobachten und systematisch reflektieren. Die Analyse wird damit individueller, authentischer und ermöglicht einen objektiveren Blick auf die eigene Praxis.

Musikpädagogen*innen sollten stets den eigenen Unterricht kritisch reflektieren und weiterentwickeln. Dies ist ein niemals abschließbarer Prozess. In der GTM heißt es: „Das Verhältnis zwischen Theorien und sozialer Wirklichkeit bedarf ebenso kontinuierlicher Überprüfung wie die formulierten Theorien einer Weiterentwicklung bedürfen“ (Strübing 2014; zit. nach Göllner 2017, S. 98).

Das Projektteam Judith Beckedorf (l.o.), Ida-Lene Bragenitz (r.o.), Ladislav Pazdera (l.u.) und Georg Wiede (r.u.) Bild © privat

 

 

Nicole Lena de Terry und Joachim Geibel

Hochschule für Musik und Tanz Köln

2. Preis

“Musikalische Identitäten”

Was ist meine Identität und wodurch werde ich, wer ich bin? Welche Rolle spielt dabei Musik? Welche Musik spielt dabei eine Rolle?

Diese und andere Fragen stellte sich eine bunt gemischte Gruppe von Laien-, Profimusiker*innen und Musikstudierende unterschiedlicher Herkunft im Projekt Musikalische Identitäten. Im Rahmen von Workshops und anschließenden Proben, betreut von Joachim Geibel und Nicole Lena de Terry wurden Antworten auf diese Fragen gesucht: diese sind so vielgestaltig und einzigartig, wie die einzelnen Akteur*innen selbst und wurden im Rahmen eines Konzerts im Juli 2019 in Form von Stücken, Klangcollagen und Gedichten gezeigt.

Bild © Elisabeth Kindler

Aurelia Lampasiak

Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

3. Preis

"#Haymatsounds"

#Haymatsounds beschäftigte sich mit der Vertonung von (post)migrantischer Lyrik. Auf der Basis zeitgenössischer Gedichte des Lyrikbandes „Haymatlos“ (Pathmanathan & Düzyol, 2018) entwickelten Jugendliche des 11. Jahrgangs der Leonore-Goldschmidt-Schule (Hannover) gemeinsam mit professionellen Musiker*innen über einen Zeitraum von vier Monaten kollektive Kompositionen. Das Buch „Haymatlos“ macht persönliche Erfahrungen mit Migration, Identität, Rassismus und Familiengeschichte sichtbar. Die Jugendlichen griffen die emotionale Dimension der Gedichte musikalisch auf und gingen verschiedenen Fragen und Perspektiven zu der Thematik „Heimat“ auf den Grund. Die verbindende Grundhaltung aller Beteiligter lag darin, gemeinsam einen künstlerisch-forschenden Raum zu betreten, in dem vorgefertigte Bilder von Kultur aufgebrochen und Heimat als etwas Plurales reflektiert wird. Die entstandenen elekronischen und analogen Kompositionen wurden abschließend in einem szenischen Konzert im Kulturzentrum Pavillon in Hannover präsentiert.

Bild © Jana Türlich

Dennis Heitinger

Staatliche Hochschule für Musik Trossingen

Förderpreis

„Chorprobe 2.0“

Scheinbar unberührt von jeglicher Technik finden Chorproben seit vielen Jahrzehnten auf die gleiche Weise statt. Ist die Digitalisierung hier noch nicht angekommen? Hat die Nutzung von digitalen Medien in der Chorarbeit überhaupt einen Sinn? Das Projekt „Chorprobe 2.0“ versucht, das Konzept des Blended Learnings anhand von Video-Tutorials mit der Chorarbeit in Beziehung zu setzen und den Umgang mit den Erklärvideos näher zu untersuchen. Dazu wurde die erste Arbeitsphase an einem bisher unbekannten Musikstück mit Chor-Tutorials auf Tablets gestaltet. Die Sängerinnen und Sänger hatten so die Möglichkeit, ein Stück selbstständig in den Stimmgruppen und ohne das aktive Eingreifen des Chorleiters einzustudieren. Hieraus entsteht eine neue Form der Chorprobe, die Abwechslung im Choralltag bietet und sowohl für die Sängerinnen und Sängern als auch für den Chorleiter ein wertvolles Hilfsmittel als Ergänzung zu den normalen Chorproben sein kann.